Am Sonntag Abend nach Schweden

Rote Häuser, blaue Seen und jede Menge Gefühl: Die ZDF-Reihe „Inga Lindström“ zieht seit mehr als 20 Jahren immer wieder sonntags Millionen Menschen vor die Bildschirme. In diesem Jahr entstehen südlich von Stockholm drei neue Filme. Ein Besuch am Drehort.

Heute Morgen ist die Sonne elektrisch: Nur die Scheinwerfer draußen im Garten zaubern Licht ins Wohnzimmer. Denn die herrliche Kulisse vor den großen Fenstern, ein von Bäumen umstandener See, ist noch grau in grau.
Drinnen aber ist die Stimmung sommerlich: Frederika kommt im leichten Kleid herein und findet eine Überraschung vor. Während sie durch den Raum geht, wird sie von Kamera und Mikrofon verfolgt, außerdem beobachten fast 20 weitere Menschen das Geschehen, darunter Regisseur und Aufnahmeleiter, Tonmeister und Maskenbildnerin. 
Der Arbeitstitel „Die Liebe meines Lebens“ zeigt die Richtung des Films: Ein junges Paar findet sich über Umwege, aber auch drumherum spielt sich einiges ab. Julia Bremermann spielt Frederika, die lebenslustige Nachbarin, deren Mann gerade in Rente gegangen ist. „Er interessiert sich für gar nichts mehr - außer Angeln, und das bringt sie auf die Palme“, erzählt die Schauspielerin. „Zufällig kommt sie an einer Tanzschule vorbei und wird wieder in die Welt des Tanzens entführt.“ Daraus entsteht ein Kontakt, der das Leben des Ehepaars beeinflusst.
Die Muster der Lindström-Filme ähneln sich, aber über die Jahre hat sich manches auch verändert. „Meist sind es Frauen in den Hauptrollen, oft stehen sie zwischen zwei Männern. Aber ich habe das Gefühl, der Staub ist weg“, findet Bremermann, die schon mehrmals in der Reihe zu sehen war. „Die Geschichten werden moderner erzählt - gerade für die Rollen in meinem Alter. Frederika verschwindet nicht, sie ist leidenschaftlich.“
Dass die Lindström-Reihe oft als kitschig angesehen wird, beeinflusst die Schauspielerin nicht negativ: „Mir hat mal eine Frau gesagt, wenn ich diese Filme sehe, werde ich glücklich – wer kriegt sowas bei seiner Arbeit gesagt?“

Erfolgreiche Romantik

Inzwischen hat das Team am Drehort nahe Nyköping die nächste Szene vorbereitet, das Licht ein bisschen verändert, die Requisiten ausgetauscht. Der Regisseur bespricht sich mit Schauspielern, jedes Detail ist wichtig. Da wird auch schon mal ein kleiner Schrank ein bisschen vorgezogen, um das Bild perfekt zu machen. Dann ist alles bereit: „Ruhe bitte! Achtung, wir drehen.“
Nun tanzt ein Mann durch den Raum, im Arm hält er einen Besen: Film-Ehemann Gunnar, gespielt von Helmut Zierl, beäugt die neuen Aktivitäten seiner Frau argwöhnisch und fängt daraufhin ebenfalls an, sein Leben zu überdenken.
Der Schauspieler hat Spaß an seiner Rolle: „Viele Zuschauer sagen, nach einem harten Arbeitstag und bei der aktuellen politischen Lage in der Welt lassen wir uns gern mit so einer romantischen Geschichte berieseln. Und wenn ich dazu beitragen kann, ihnen einen schönen Abend zu bereiten, dann mache ich das gern.“ Manchmal wurde er in seinem norddeutschen Heimatort sogar von Männern angesprochen, die gerade einen dieser Filme angeschaut hatten: „Die fanden das richtig schön und fühlten sich rausgeholt aus ihrem Alltag.“
Zierl sieht sich ein bisschen in der Schublade für Liebesfilme, weil er etliche davon gedreht hat. „Aber ich mache das sehr gern, weil ich weiß, dass die Leute so etwas gern sehen.“
Die Zahlen geben ihm Recht: Immerhin trägt die aktuelle Produktion die Nummer 111. Im ZDF-Streamingportal gehört die Reihe zu den zehn am stärksten genutzten Formaten der letzten fünf Jahre und erzielt mit durchschnittlich mehr als einer Million Views stabile Abrufzahlen. Im linearen Fernsehen sahen im vergangenen Jahr fast viereinhalb Millionen Zuschauer die Erstausstrahlungen am Sonntag um 20.15 Uhr.
„Allerdings haben die Dreharbeiten in Schweden eine besondere Herausforderung“, sagt Julia Bremermann. „Wir nennen es Wetter - wir wissen nie, was kommt.“
Auch heute musste der ursprüngliche Drehplan geändert werden. Am Nachmittag kommt endlich die echte Sonne heraus, wird nur ab und zu von vorbeiziehenden Wolken verdeckt. Deshalb kämpft der Kameramann drinnen nun mit den wechselnden Lichtverhältnissen. Und dann wird die Szene auch noch aus mehreren Blickwinkeln gebraucht. Viel Arbeit, aber der Ton unter den Kollegen bleibt entspannt, manchmal ist sogar Zeit für Witze und freundliche Spötteleien.

Privathaus als Filmkulisse

Um diese und andere Orte zu finden, die sich für die Filme gut eignen, sind einheimische Location Scouts unterwegs. Die Menschen sind sehr kooperativ, weiß Erik Lindhe, Tourismus-Chef in Nyköping. „Die Einwohner sind stolz, dass die Filme hier entstehen. Viele von ihnen waren auch schon einmal als Statisten dabei oder haben ihre Häuser als Drehort zur Verfügung gestellt.“
Das Haus am See, in dem heute gedreht wird, ist eines der Motive, die schon mehrfach in den Filmen aufgetaucht sind. Es steht hier seit 1795. „Vor etwa sieben Jahren hat die Produktionsfirma bei uns angefragt“, erzählen die Eigentümer, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Während der Dreharbeiten ziehen sie ins Nachbarhaus auf demselben Grundstück, das ebenfalls der Familie gehört. „Ab und zu haben wir auch Kontakt zum Team“, erzählen sie. „Sie behandeln unser Haus und die Einrichtung sehr sorgsam.“
Zwar wurde das Wohnzimmer halb ausgeräumt, in der Küche haben sich Maskenbildnerin und Tonmeister eingerichtet. Aber niemand darf mit Straßenschuhen in die Innenräume, und nach Dreh-Ende wird alles wieder genauso eingeräumt, wie es vorher war.

Dreharbeiten in der Tanzschule

Im Haus am See geht es relativ zügig voran – anders als am Tag zuvor. Gedreht wurde in einer Tanzschule in Nyköping, am Set waren nicht nur die deutschen Schauspieler, sondern auch ein professionelles schwedisches Tanzpaar und 16 Komparsen. Die Schweden wurden von einer einheimischen Betreuerin begleitet.
Viele Proben waren nötig, um alle Bewegungen zu koordinieren. Die Tonaufnahmen wurde immer wieder gestört, mal von einem Baufahrzeug draußen oder von einer Klimaanlage drinnen. Ein munteres Hin und Her in drei Sprachen war zu hören, bis alles passte und der Aufnahmeleiter Ruhe in alle Räume brachte: „Quiet please!“
Immer wieder wurden Ton oder Bildausschnitt überprüft, und erst beim vierten Anlauf war der Regisseur zufrieden.

Im Urlaub zu den Drehorten

Der erste Film der Reihe wurde im Juli 2003 gedreht. Die Entscheidung, in der „Greater Area Stockholm“ einem Umkreis von etwa 50 Kilometern um Stockholm zu drehen, fiel nach einer umfassenden Motivtour. Hergestellt werden die Filme von der Bavaria Filmproduktion aus München im Auftrag des ZDF.  
Viele Lindström-Fans reisen extra in diese Gegend, um Landschaft und Drehorte selbst zu erleben. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht mehr. „Früher hatten wir etwa 1.000 Personen, die an geführten Busreisen aus Deutschland teilgenommen haben“, erzählt Tourismus-Chef Erik Lindhe. Spezielle Angebote für die Fans der ZDF-Reihe gebe es nicht, aber in der Region finden sich viele Orte, die aus den Filmen bekannt sind. Den kleinen Marktplatz in Trosa erkennt wahrscheinlich jeder Lindström-Zuschauer auf Anhieb. Drumherum gibt es viele typisch schwedische Holzhäuser und dazwischen den malerischen Kanal. Ein Gestüt in der Nähe von Nyköping tauchte schon in drei Filmen auf. Und auch das Dampfschiff „Munter“ in Vrena war in zwei Lindström- Filmen zu sehen. Besucher können Rundfahrten buchen und die Landschaft von der Wasserseite aus erkunden.

(erschienen in „nordis“ 02/26)