Der Wünschewagen und das Glück, etwas abzugeben
Einsatz für den Wünschewagen Mecklenburg-Vorpommern: Burkhard Heinicke möchte, dass bei der Feier zu seinem 70. Geburtstag auch seine schwerkranke Frau Kerstin dabei ist.
Ein völlig normaler Wunsch, aber nicht so einfach zu erfüllen: Denn die 62-Jährige wird seit fast einem halben Jahr im Stralsunder Hospiz „Gezeiten“ betreut, kann sich nicht mehr selbst bewegen und ist auf Pflege angewiesen.
Doch durch den Wünschewagen wird es möglich, dass sie an der Familienfeier teilnimmt. Als der blau-weißeWagen auf die Einfahrt rollt, werden die drei ehrenamtlichen Begleiter schon erwartet. Gemeinsam mit dem Pflegepersonal lagern sie Kerstin aus ihrem Bett auf die Trage um, dann geht es zum Hotel „Scheele-Hof“ in der Altstadt. Im Wintergarten sitzt die Geburtstagsgesellschaft zusammen. Burkhard Heinicke ist dankbar. „Ich als Angehöriger könnte das ja nicht schaffen. Deshalb finde ich es wunderbar, dass es so etwas wie den Wünschewagen gibt.“
Seit sieben Jahren für Menschen in MV unterwegs
Das Projekt Wünschewagen ist inzwischen in ganz Deutschland etabliert: Menschen, die kurz vor dem Ende ihres Lebens stehen, können noch einmal etwas genießen, was ihnen wichtig ist: das Meer oder den eigenen Garten; ein Konzert oder ein Fußballspiel; das neue Haus der Enkelin oder eine Familienfeier. Das Projekt wird vom Arbeiter-Samariter-Bund betrieben, aber ausschließlich aus Spenden finanziert. Das Fahrzeug ist ein speziell ausgestatteter Krankenwagen mit elektro-hydraulischer Trage und Sauerstoffgerät, aber auch mit genügend Platz, um etwa einen Rollator oder einen Rollstuhl mitzunehmen. Und die Scheiben im hinteren Bereich sind durchsichtig – aber nur von innen nach außen.
Begleitet werden die Fahrten von Ehrenamtlern aus dem ganzen Land. Viele von ihnen arbeiten in Pflegeberufen, haben also Erfahrung im Umgang mit Patienten und medizinischen Themen. Aber es gibt unter den mehr als 100 Freiwilligen auch andere Berufe, etwa Ingenieure, Unternehmer und sogar einen Schornsteinfeger. Etliche sind schon im Ruhestand und haben nun Zeit für dieses Ehrenamt – so wie Gerlind Sörensen, die in Stralsund zum ersten Mal im Einsatz ist. Die Fahrt hat der ehemaligen Pflegehelferin gut gefallen: „Es ist genau das, was ich brauche. Ich kann nicht mehr täglich im Pflegeheim arbeiten, aber mich ab und zu um jemanden zu kümmern, das ist gut.“
Zwei Ehrenämter und keine Angst vor dem Tod
Auch Kerstin Ernst aus Burg Stargard war schon bei etlichen Fahrten dabei, sie gehört seit 2017 zum Wünschewagen-Team. Die Zahnarzthelferin ist verheiratet, ihr Sohn ist bereits aus dem Haus - so bleibt mehr Zeit für Hobbys wie Malen und Zeichnen. Außerdem liebt sie ihren Garten, spielt Klavier und bekleidet gleich zwei Ehrenämter. „Mir ist es ein großes Anliegen, meine Freizeit sinnhaft zu erleben“, sagt sie. „Mir geht es so gut, und ich möchte von diesem Glück etwas abgeben.“
Da ist zum einen der Wünschewagen. An jede einzelne Tour hat sie Erinnerungen. „Jede ist etwas Besonderes, weil ja auch jeder Mensch besonders ist.“ Ihre erste Fahrt führte zum Weihnachtsmarkt nach Warnemünde. „Es waren zwei Frauen aus dem Hospiz in Greifswald. Mit einer habe ich in der Kirche eine Kerze angezündet, einen Moment zusammen geschwiegen und geweint – da war eine ganz tiefe Verbundenheit, das habe ich immer noch im Herzen.“ In der Situation lässt sie das Gefühl an sich heran, aber beim Abschied kann sie loslassen, und es entsteht eine tiefe Dankbarkeit, dass sie dies erlebt hat. „Das brauche ich für mich, aber ich kann es auch gut reflektieren.“
Zum anderen begleitet sie Sterbende und deren Angehörige im Neubrandenburger Hospiz. Vor einigen Monaten konnte sie sogar beides verbinden: „Eine Frau wollte so gern nochmal auf ein großes Gewässer. Aber es war Ende November, und fast alle hatten ihre Boote hier auf dem Tollense-See schon winterfest gemacht - aber nicht in Waren an der Müritz. Ich telefonierte mit Bettina Hartwig, die den Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern koordiniert, und schon ein paar Tage später fuhren wir mit der Frau nach Waren. Einige Gäste aus dem Hospiz schlossen sich an, und wir haben die Zeit zusammen auf dem Dampfergenossen. Was für ein berührender Tag! Die Frau war hinterher sehr geschafft, aber glücklich, dies noch mal erlebt zu haben.“
Kerstin Ernst selbst hat mit dem Thema Tod keine Berührungsängste. „Ich bin damit groß geworden. Meine Großmutter hat mich manchmal mitgenommen, wenn sie jemanden zu Hause besucht hat. Die Rituale, die es damals für die Sterbenden gab, haben mich geprägt.“ Und es habe auch mit ihrem Glauben, mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu tun. Das alles aber kann sie nur leisten, weil sie sich in ihrem eigenen Leben gut und sicher fühlt. „Wenn ich das nicht hätte, wäre ich diesen Weg nicht gegangen. Und es gibt mir Gelassenheit, ein ganz neues Bewusstsein für das Leben, für die kleinen schönen Momente, die es bietet.“
Ein besonderer Gast an der Tafel
Im Stralsunder Scheele-Hof genießt die Geburtstagsrunde unterdessen das Essen und die Gespräche.„Meine Frau fühlt sich sehr wohl, weil sie die Menschen, die sie liebt, die sie seit Jahrzehnten kennt, wiedersehen darf“, sagt Burkhard Heinicke. Er sieht ihre Anwesenheit nicht als Vorführen einer von Krankheit gezeichneten Frau – wie mancher vielleicht denken könnte. „Wenn man krank ist, bedeutet es doch nicht, dass man nicht mehr dazugehört. Schlimmer wäre es doch, die Menschen beiseite zu stellen.“
Vor genau einem Jahr kam die tödliche Diagnose. Die Zahnärztin wollte für ihre letzte Zeit in ihre Heimatstadt zurück. Also zogen das Ehepaar aus Magdeburg nach Stralsund – ein Kraftakt für Heinicke: Umzug vorbereiten, Haus verkaufen, Praxis auflösen und sich um die schwerkranke Frau kümmern. „Ich war oft über meinem Limit“, erzählt er.
Heute aber, an seinem 70. Geburtstag, empfindet er auch Freude. Zwei Stunden lang hat er seine Frau an der Tafel dabei. Sie unterhält sich gut, probiert Fisch und Dessert vom Büfett. „Es war schön, aber anstrengend“, sagt sie hinterher leise. „Aber wird das eine will, muss das andere mögen.“
Der Wünschewagen bringt sie zurück ins Stralsunder Hospiz am Grünhufer Bogen. Heinicke weiß, dort ist sie in guten Händen. Oft hilft er selbst mit. „Wenn man sieht, irgendwo wird Hilfe gebraucht, da fragt man nicht lange, da macht man es einfach.“
Kerstin und er sind seit mehr als 25 Jahren verheiratet. „Wir haben uns versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein. Nun sind die guten Zeiten vorbei, aber dann hat man dem anderen genauso beizustehen, so sehe ich das.“ Und am nächsten Morgen besuchte Burkhard Heinicke seine Frau wieder – so wie jeden Tag.
Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V.
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Betreff: Wünschewagen Mecklenburg-Vorpommern
(erschienen 2024, Nordkurier)