Felsen, Schafe und ein neuer Weg über die Ostsee

Region Stockholm und Insel Gotland nun bequemer zu erreichen

Die „Drotten“ ist zu früh dran: 20 Minuten vor der Zeit legt das knapp 200 Meter lange weiße Schiff vom Kai im Rostocker Seehafen ab – alle Passagiere sind schon an Bord. Viele von ihnen stehen an Deck, genießen den Blick auf Warnemünde und die Vorfreude auf ihren Urlaub. Der Kapitän verspricht eine ruhige Überfahrt, die See ist fast glatt.

Es wird ein entspannter Abend an Bord. Die Crew ist freundlich und hilfsbereit, das WLAN stabil. Manche Passagiere sitzen noch im Restaurant, andere haben es sich schon in den Liegesesseln bequem gemacht oder sind in ihren Kabinen. Später beim Einschlafen hilft das beruhigende Brummen der Schiffsmotoren.

Seit Anfang September verbindet die Reederei Hansa Destinations den Nordosten Deutschlands mit dem Großraum Stockholm - vorerst drei Mal pro Woche. 18 Stunden dauert es vom Ablegen in Rostock bis zum Festmachen in Nynäshamn, etwa 60 Kilometer südlich der schwedischen Hauptstadt. Auf dem Kurs liegt die Insel Gotland. Bei einigen der Fahrten legt das Schiff in der Inselhauptstadt Visby an. „Das ist eine ideale Verbindung“, meint ein Ehepaar aus Schleswig-Holstein. Die beiden fahren schon seit Jahren nach Gotland, mussten bisher aber immer den stundenlangen Weg von Südschweden übers Festland in Kauf nehmen. „So ist es bequemer und spart Sprit“, sagt sie. „Und Nerven“, ergänzt er.

Die Reederei Hansa Destinations setzt große Hoffnungen in die neue Verbindung: „Zuallererst haben wir diese Linie gestartet, um mehr Warenverkehr von der Straße aufs Meer zu verlagern“, sagt Marketingchef Adam Jacobsson. „So können Emissionen um bis zu 20 Prozent verringert werden. Und der Transport wird effektiver, weil die Fahrer sich während der Überfahrt ausruhen können.“ Aber die Reederei freut sich auch auf immer mehr Touristen, die diesen Weg über die Ostsee wählen – in beide Richtungen.

Gegen neun am nächsten Morgen ist Visby auf Gotland erreicht, vier Stunden später der Hafen von Nynäshamn. „Es würde viel länger dauern, direkt nach Stockholm zu fahren“, erklärt Jacobsson. „Und es wäre schwieriger, von dort weiterzufahren.“ Von Nynäshamn kommen alle Fahrzeuge gut weg, für die Fußgänger gibt es einen Pendelzug bis ins Zentrum von Stockholm.

Über Stock und vor allem über Stein

In Stockholms Umland ist der Schärengarten nirgendwo weit. Und der Nationalpark Tyresta liegt kaum 30 Kilometer vom königlichen Schloss entfernt.

Hier hört man im Wesentlichen – nichts. Nur ab und zu Vogelstimmen, Blätterrascheln oder das Plätschern kleiner Bäche. 55 Kilometer Wege sind markiert, ansonsten wird die Natur weitgehend sich selbst überlassen.
Die ausgeschilderten Pfade sind verschieden lang und schwer. Der leichteste ist die „Kinderwagenrunde“, der schwerste führt auf eine steile Anhöhe, wo die Überreste einer uralten Fluchtburg zu sehen sind. Viele Strecken führen über die Felsen oder über wurzeldurchzogene Wege – reizvoll zu jeder Jahreszeit.
Wer seine Tour nicht an einem einzigen Tag schaffen kann oder will, kann im Park übernachten. An etlichen Stellen gibt es markierte Rastplätze oder Shelter, nach einer Seite offene Hütten, in denen jedermann schlafen kann. Davor ist eine Feuerstelle eingerichtet, komplett mit Grillrost und Holzvorrat. Auch Zelten ist erlaubt, aber der Schutz der Natur steht über allem.

Zehn Seen liegen im Nationalpark, außerdem Moor und Sümpfe. Die hüglige Landschaft ist von riesigen Felsen geprägt, die ein Gletscher hier in der letzten Eiszeit liegenließ. Viele der Bäume sind mehrere hundert Jahre alt. Was fällt, bleibt liegen, bis die Natur das Holz mit Moos und Pilzen überzogen und zu Heim und Nahrung für Insekten umfunktioniert hat. Die Pflanzenwelt ist am Boden und in der Höhe so unterschiedlich, dass eine enorme Vielfalt entsteht - ideal für mehr als 100 zum Teil seltene Vogelarten, außerdem Rehe und Schneehasen, Füchse, Marder und Fledermäuse.  

Bizarre Skulpturen und eine sehr alte Stadt

Auf Gotland wartet ein Mann. Er wird oft besucht, obwohl er ein Herz aus Stein hat. Genau genommen besteht er komplett aus Stein: Der Hoburgsgubben steht an Gotlands Südspitze und ist eine der vielen Kalkstein-Formationen, die über die Insel Gotland verteilt sind. Die meisten der sogenannten Raukar finden sich an der Küste. Nur ein paar Autominuten von Hoburgen entfernt bietet sich Holmhällaren für ein Picknick an. Über mehrere hundert Meter verteilt, ragen hier bizarre Kunstwerke der Natur aus dem flachen Wasser. 

Zwischen den Feldern stehen kilometerlange Mauern aus Natursteinen, kunstvoll aufgeschichtet und vermutlich allen Wettern trotzend. Auf vielen der Weiden dazwischen: Schafe. Das gotländische Wappentier findet sich nicht nur auf der Flagge, sondern auch auf unzähligen Souvenirs.
Die gibt es unter anderem in Visby, der Inselhauptstadt. Außerhalb der Stadtmauer ist Visby ein ganz normaler schwedischer Ort. Die Mauer aber, errichtet im Mittelalter, steht noch und begrenzt ein mittelalterliches Zentrum mit schmalen Straßen, kleinen Häusern und Namen, die an die Hanse erinnern: Wismar und Rostock haben hier eigene Gassen, auch Riga und Hamburg.
Für einen Blick von außen bietet sich Högklint an, etwa zehn Kilometer südlich von Visby. Im Gegensatz zu vielen anderen Zielen ist der Aussichtspunkt nicht ausgeschildert. Aber wer bei dem Dorf Ygne in Richtung Meer abbiegt, findet bald einen Kalksteinfelsen, der knapp 50 Meter hoch über die Ostsee ragt.

 

www.hansadestinations.com

https://sverigesnationalparker.se/park/tyresta-nationalpark/